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Freitag, 11. Dezember 2009 |
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Im Museum: Die ganze Welt der Donauschwaben auf Band.
Kein Glück am letzten Tag. Dauerregen wie eigentlich die gesamten vergangenen zwei Wochen. Und beim Metzger Bunk waren schon kurz nach 12 Uhr die Linsen alle. Dabei hatte ich mich so auf Spätzle mit Linsen und Wiener Würstchen zum Abschied gefreut. Naja, ein Rosinenwecken beim Zuckerbäcker versöhnte mich wieder, was das Kulinarische angeht. In Sachen Kultur- und Regionalgeschichte ließ ich mich heute von der gut gemachten Ausstellung im Donauschwaben-Museum verwöhnen. „Um verhoffend besserer Nahrung und Wohlfahrt willen“ fuhren vor 300 Jahren zigtausende Deutsche in „Ulmer Schachteln“ die Donau hinab ins „Ungarland“, um dort ein neues Leben anzufangen. Mit auf die Reise nahmen sie ihre schwäbisch-rheinfränkischen oder westfälisch-moselfränkischen Dialekte. Tonbänder in der Ausstellung, auf denen Nachfahren der Ausgewanderten vom Hochzeitsball oder dem Schlachtfest erzählen, belegen nicht nur die Langlebigkeit von Mundart-Zungenbrechern, sondern auch den noch immer nicht überall bekannten Fakt, dass nur zehn Prozent der Donauschwaben Schwaben waren. Die Mehrzahl der Flüchtlinge waren Lothringer, Pfälzer und Elsässer.
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Donnerstag, 10. Dezember 2009 |
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Botschaft im Treppenhaus: Ulm steckt voller Überraschungen.
Nichts ist wie es scheint. Morgens im heimischen Treppenhaus fällt mein Blick beim Schuhe anziehen stets auf Hammer und Sichel. Schnitzkunst der besonderen Art am Treppengeländer. Kommunistische Symbole. Wie ich recherchiert habe, stehen Hammer und Sichel an sich für Industrie und Landwirtschaft. Gekreuzt allerdings unmissverständlich für den Arbeiter-und-Bauern-Staat. Und das in Ulm! Auch im Südwesten muss man auf Überraschungen gefasst sein. Unter der politischen Botschaft steht klein: 1932. Vermutlich das Baujahr des hellhörigen Spitzdachhauses am Kuhberg, einer heute unspektakulären Wohnsiedlung mit dunkler Geschichte im Ulmer Süden. Denn, und nun wird es kompliziert, Ulm ist keineswegs als Hochburg der Roten in die Geschichtsbücher eingegangen, auch wenn der aktuelle SPD-Oberbürgermeister Ivo Gönner zuletzt mit 83 Prozent der Wählerstimmen im Amt bestätigt worden ist.
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Mittwoch, 09. Dezember 2009 |
 "Plenum" heißt die Kantine im Stuttgarter Landtag. Auf den Tischen stehen "Reserviert"-Schilder. Sicher ist sicher. Wenn man sich trotzdem hinsetzt, sagt aber keiner was. Tagesgerichte sind Kalbshaxe oder Asia-Nudeln. Neben mir sitzt ein Sportredakteur der "Badischen Zeitung", der im "Plenum" auf den Anpfiff des Stuttgarter Championsleague-Spiels am Abend wartet. Er schwärmt von Berlin und Babelsberg, nachdem er gehört hat, woher ich komme: "So viel grün, so viel Wasser, toll!" In einem anderen Punkt ist er weniger positiv gestimmt: "Der VfB wird sich retten, aber Hertha steigt ab." Draußen vor der Glasfassade zieht eine Schulklasse nach der anderen vorbei. Ziel ist eine Parlamentsbesichtigung. Der Landtag im Stadtzentrum ist ein Magnet. Da können sich Potsdam und das Land Brandenburg auf den Neubau, der 2013 mitten in der Landeshauptstadt eröffnet werden soll, wirklich freuen. Das wird der Mark gut tun.
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Dienstag, 08. Dezember 2009 |

An attraktiven Zielen für Kurzausflüge herrscht weder in Brandenburg noch in Schwaben Mangel. Deshalb zunächst der Appell an die Leute im Südwesten: Traut Euch, wenn Ihr demnächst die Verwandten in Berlin besucht, ruhig auch mal nach Neuhardenberg, nach Angermünde oder in Brechts Buckow! Ihr werdet es nicht bereuen. Euer Soli-Geld ist dort gut angelegt. Hübsche Städtchen, fantastische Seen, nagelneue Radwege und in den Gasthöfen fleischreiche Kost wie daheim. Ich war am vergangenen Wochenende am Bodensee Bratwurst essen. Hab mir außerdem Ravensburg angeschaut und bin dann – dem Baden-Württemberg-Ticket der Bahn sei Dank – durch den Schwarzwald getingelt, von dort bis Karlsruhe und wieder zurück nach Ulm. 600 Kilometer an einem Tag – für 19 Euro. Top!
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Montag, 07. Dezember 2009 |

Vier Wochen bloggen ohne ein einziges Mal das Reizthema der Deutschen schlechthin – DIE BAHN – zu thematisieren, das geht nun wirklich nicht. Deshalb hier der Tipp für alle Locationscouts der Republik: Wenn ihr einen möglichst finsteren Platz braucht, um einen Film über die Spätzeit der DDR oder die „bleierne Zeit“ im Westdeutschland der 70er Jahre zu machen, dann sucht nicht im Osten nach dem geeigneten Drehort, sondern kommt gleich nach Stuttgart! Eine so gigantomanisch-düstere Spelunke wie den hiesigen Bahnhof gibt es nirgendwo sonst in Deutschland. Über den Bahnsteigen ein Glasdach, das diesen Namen nicht verdient, weil es kein Licht durchlässt. In der Halle enge Service-Bereiche, die einem den Appetit verderben. Auf dem Weg zu Toiletten und Schließfächern 40 Jahre alte Türen, die nicht nur schlecht aussehen, sondern einen schaudern lassen, wenn man gezwungen ist, sie anzufassen.
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Freitag, 04. Dezember 2009 |
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Was geschah in Wiley? Reise in einen Ort ohne Erinnerung.
Hätten wir am Donnerstag nicht Weihnachtsfeier gehabt im ehemaligen Offizierskasino der US-Besatzer, wäre ich nie auf die Idee gekommen, mich mit Wiley zu beschäftigen. Dabei war mir die Ortsmarke schon zuvor auf einem Bus aufgefallen, und ich habe mich gefragt, wie man das Wort wohl auf Schwäbisch ausspricht. Gar nicht, es steht nämlich für ein ehemaliges Kasernengelände in Neu-Ulm, benannt nach Captain Robert C. Wiley. Vierzig Jahre lang residierten die Amerikaner hier hinter meterhohem Stacheldraht. Ab 1980 war Neu-Ulm einer von vier bundesdeutschen Standorten für Pershing-II-Raketen. Auch die dazu gehörenden atomaren Sprengköpfe lagerten hier.
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Donnerstag, 03. Dezember 2009 |
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Tradition: Seit 1641 wird in Ulm Theater gespielt, seit 1969 in diesem Bau
Theater!
Welch ein Drama! Beinahe hätte es heute kein Blog-Foto gegeben. Die Kamera war weg. Irgendwo aus der Tasche gerutscht. Einzige Hoffnung ein Anruf im Ulmer Theater. Dort war ich gestern Abend. Und tatsächlich: Techniker haben am Morgen das Gerät im Parkett Reihe elf unterm Sitz gefunden und beim Pförtner abgegeben. Vielen Dank noch einmal! Auch für das lustige Foto, dass mir die Finder auf dem Apparat hinterließen. Von einer Veröffentlichung muss ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes allerdings absehen. Wie auch immer, der Besuch im ältesten Stadttheater Deutschlands stand nicht nur wegen der wiedergefundenen Kamera unter einem guten Stern. Das Haus war voller junger Leute. Wie auch die älteren Abo-Kunden befanden sie sich bereits vor Vorstellungsbeginn in gehobener Stimmung.
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Mittwoch, 02. Dezember 2009 |
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Karstlandschaft: Auf der Schwäbischen Alb wachsen vor allem Steine.
Aus aktuellem Anlass werde ich derzeit von Leuten aus der Heimat häufig gefragt, ob es hier viele Lebkuchen gibt. Nein, nicht mehr als anderswo auch, jenseits der Gewürzgebäck-Hochburgen Nürnberg und Pulsnitz. Was es in Ulm häufiger gibt als im Rest der Republik, sind Linsen. Auf schwäbisch: Leisa. Linsen mit Spätzle und Saitenwürsten sind das hiesige Nationalgericht. Sehr lecker, in dieser Kombination der perfekte Eiweißschock und deutlich bekömmlicher als man zunächst denkt. Die Linsen-Leidenschaft hat einen profanen Grund: Auf der Schwäbischen Alb - ein Mittelgebirge von 200 Kilometern Länge, 40 Kilometern Breite und bis zu einem Kilometer Höhe - wächst nicht viel mehr. "Des Teufels Hirnschale" nennen die Bauern den Boden. Aufgebaut ist die Alb aus mehreren Schichten von stark kalkhaltigem Juragestein. Darauf liegt manchmal nur eine Handbreit Lehm, und die ist noch mit Kalkbrocken durchsetzt.
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Dienstag, 01. Dezember 2009 |
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Zeitdokument: Abfotografiertes Detail einer Aufnahme von Joachim Strauß aus dem Jahr 1990
Man kann wirklich nicht sagen, dass im Südwesten das Interesse an deutsch-deutscher Geschichte fehlen würde. Im öffentlich-rechtlichen Radio SWR erzählt täglich ein Moderator mit Ost-Migrationshintergrund von seinen Erfahrungen mit Trabi, "Kessel Buntes" und Schlagersüßtafel. Die Sparkasse Ulm schmückte sich jüngst mit einer "Schwalbe" und anderen DDR-Devotionalien. Vor allem jüngere Kollegen in der Redaktion fragen mich mit ehrlichem, unbefangenem Interesse: "Wie war es denn nun mit der Stasi?" Und in der Ulmer Volkshochschule ist derzeit auf mehreren Etagen eine ebenso umfangreiche wie spannende Foto-Ausstellung zum Super-Wahljahr 1990 zu sehen. Ich als inoffizieller Ost-Beauftragter wurde gebeten, mir das mal anzusehen.
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Montag, 30. November 2009 |
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Berliner Seelen: Schwaben müssen im Exil auf nichts verzichten.
Am Wochenende auf Heimaturlaub im Prenzlauer Berg gewesen und der schwäbischen Bäckerei im Kiez einen Besuch abgestattet. "Boulette mit Schrippe 1,25 Euro" stand mit Kreide geschrieben auf einer schwarzen Tafel, die mir zuerst ins Auge fiel. Kann ja wohl nicht wahr sein. Entweder, der Inhaber vereinnahmt die Ur-Berliner Boulette - in Brandenburg wird der Hauptstädter an sich unflätig als "Boulette" tituliert -, oder es handelt sich bei dem Schwaben-Laden um einen Etikettenschwindel. Beides falsch. Oliver Spory, der 2002 das erste von inzwischen vier Geschäften in Berlin eröffnet hat, ist Kosmopolit. Dem Mann aus Pforzheim, was nicht wirklich Schwaben ist, wie ich mir sagen lassen habe, liegt die Backkultur am Herzen. Deshalb gibt es bei ihm neben Ciabatta, Baguette und badischem Steinofenbrot auch die "Ost-Schrippe" mit besonders hohem Malzanteil. Aus Schwaben dürfen im Sortiment natürlich die Seelen nicht fehlen : aus Dinkel, außen knusprig, innen weich, luftig und feucht. Außerdem sei alles schwäbisch, "wo Kümmel drauf ist", wie mir die Verkäuferin während einer Kurzvorstellung des Angebots erklärte.
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